Solidarität & Zugehörigkeit
Im Februar 2022 begann der russische Großangriff auf die Ukraine. Kurz darauf mussten sehr viele Menschen ihre Heimat verlassen. Auch in deutschen Städten und Dörfern wurden Wohnungen gesucht, Kinder in Schulen aufgenommen und die unterschiedlichsten Formen von Unterstützung organisiert.
Für viele kleine Orte war das keine abstrakte Nachricht aus dem Fernsehen. Plötzlich stand die Frage im Raum, ob jemand ein Zimmer frei hat, beim Übersetzen helfen kann oder weiß, wie man sich bei einer Behörde anmeldet.
Wenn Menschen in einer akuten Notlage ankommen, zählt zunächst das Praktische. Ein Dach über dem Kopf. Etwas zu essen. Ein funktionierendes Telefon. Informationen darüber, was als Nächstes zu tun ist. Vieles davon lässt sich mit Nachbarschaftshilfe erleichtern, anderes braucht professionelle Strukturen und verlässliche staatliche Unterstützung.
Doch irgendwann wird aus der Frage nach dem Ankommen eine andere: Wie wird aus einer vorübergehenden Unterkunft ein Ort, an dem man sich zugehörig fühlen kann?
Dazu braucht es mehr als eine freundliche Begrüßung. Man muss Menschen kennenlernen können, ohne ständig als Hilfsbedürftige betrachtet zu werden. Es braucht Möglichkeiten, selbst etwas einzubringen, Kontakte zu knüpfen, eigene Entscheidungen zu treffen und auch einmal einfach in Ruhe gelassen zu werden.
Ein gemeinsames Essen kann dabei mehr bewirken als ein langes Informationsblatt. Noch besser wird es, wenn nicht immer dieselben Menschen einladen und die anderen Gäste bleiben. Vielleicht kocht beim nächsten Treffen jemand aus der Ukraine. Vielleicht tauscht man Pflanzen, lernt gemeinsam Deutsch oder organisiert ein Fest, bei dem verschiedene Menschen Verantwortung übernehmen. Aus Hilfe kann Gegenseitigkeit werden.
Das klingt leichter, als es ist. Sprachbarrieren bleiben. Unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen können zu Missverständnissen führen. Manche Menschen möchten rasch zurückkehren, andere müssen sich auf einen langen Aufenthalt einstellen. Und wer traumatische Erlebnisse mitbringt, braucht womöglich zunächst vor allem Sicherheit, nicht die Einladung zur nächsten Vereinsversammlung.
Auch die aufnehmende Gemeinschaft kann an Grenzen geraten. Privat organisierte Hilfe darf nicht stillschweigend dauerhaft Aufgaben ersetzen, für die Fachkräfte und Institutionen gebraucht werden. Sonst überfordert sie am Ende genau diejenigen, die sich besonders engagieren.
Was hat das alles mit Dorfentwicklung zu tun? Eine ganze Menge. Wir sprechen oft davon, Zugezogene besser einzubinden. Die Erfahrungen seit 2022 führen uns vor Augen, wie konkret diese Aufgabe ist: Wer erklärt ungeschriebene Regeln? Wer öffnet bestehende Gruppen? Wer fragt nicht nur, was jemand braucht, sondern auch, was jemand möchte und kann?
Die eigentliche Bewährungsprobe für eine offene Dorfgemeinschaft beginnt nicht mit dem ersten Willkommensfoto. Sie beginnt im Alltag danach. Wenn Menschen nicht mehr als „die Neuen“ beschrieben werden, sondern als Nachbarinnen und Nachbarn, die ebenso selbstverständlich zum Ort gehören wie alle anderen.
Bild: GeoTrinity / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0; für diesen Blogbeitrag kostenlos nutzbar unter den Lizenzbedingungen. Bild verkleinert.