Projektförderung & Eigenständigkeit
Ein Projektantrag ist eine seltsame Textsorte. Man soll heute ziemlich genau erklären, was in zwei Jahren passiert, wie viele Menschen teilnehmen werden und welche Wirkung das alles entfaltet. Wer schon einmal mit Dorfprojekten zu tun hatte, weiß: Spätestens nach den ersten drei Treffen kann die Wirklichkeit ganz anders aussehen.
Manchmal ist das sogar gut. Eine Idee entwickelt sich weiter, neue Menschen kommen dazu und plötzlich entsteht etwas, an das beim Schreiben des Antrags noch niemand gedacht hatte. Schwieriger ist eine andere Überraschung: Nach zwei Jahren läuft die Finanzierung aus, und das, was gerade erst zu funktionieren beginnt, soll wieder verschwinden.
Projektförderung ermöglicht viel. Ohne sie gäbe es zahlreiche Bildungsangebote, kulturelle Initiativen und gemeinschaftliche Experimente gar nicht. Sie kann helfen, Risiken einzugehen, Neues auszuprobieren und Menschen zusammenzubringen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.
Aber sie hat eine eingebaute Grenze. Häufig wird die Entwicklung eines Angebots finanziert, nicht sein dauerhafter Betrieb. Wenn am Ende niemand für Koordination, Miete, Versicherungen oder die nächste Reparatur aufkommt, hilft auch der schönste Abschlussbericht wenig.
Deshalb lohnt sich eine unbequeme Frage schon ganz am Anfang: Was soll von unserem Projekt bleiben, wenn das Fördergeld aufgebraucht ist?
Nicht alles muss anschließend weiterlaufen. Ein gutes Projekt darf auch ein Ende haben. Vielleicht wurde eine Methode getestet, ein Konflikt bearbeitet oder ein einmaliger Austausch ermöglicht. Problematisch wird es erst, wenn wir dauerhafte Erwartungen schaffen, aber keine Idee haben, wie sie erfüllt werden sollen.
Dafür gibt es keine Universallösung. Manche Angebote können Einnahmen erzielen: durch Mitgliedsbeiträge, Vermietungen, Kurse, Veranstaltungen oder den Verkauf regionaler Produkte. Andere werden auf Dauer öffentliche Unterstützung brauchen, weil sie Aufgaben erfüllen, die wirtschaftlich nicht kostendeckend angeboten werden können. Und wieder andere funktionieren als Kooperation, bei der mehrere Beteiligte Räume, Technik oder Personal teilen.
Wichtig ist vor allem, die Kosten ehrlich zu betrachten. Ehrenamtliche Arbeit ist wertvoll, aber nicht unerschöpflich. Wenn ein Angebot nur deshalb „wirtschaftlich“ erscheint, weil sich einzelne Menschen dauerhaft überlasten, ist es nicht wirklich tragfähig. Auch kostenlose Räume müssen irgendwann geheizt und erhalten werden.
Vielleicht sollten wir deshalb neben Wirkungszielen immer auch über Strukturen sprechen: Wer übernimmt nach Projektende Verantwortung? Welche Einnahmen sind realistisch? Welche Aufgaben können entfallen? Welche Partner profitieren und könnten sich beteiligen? Und wie verhindern wir, dass die nächste Förderung nur die Lücke der vorherigen stopft?
Darin steckt übrigens auch eine Chance für Fördergeber. Wer Projekte wirklich nachhaltig unterstützen möchte, muss ihnen Raum lassen, Geschäftsmodelle zu prüfen, Kooperationen aufzubauen und manchmal vom ursprünglichen Plan abzuweichen.
Für Dörfer im Aufbruch war Selbstverantwortung nie nur eine schöne Idee. Sie betrifft auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen gemeinschaftlichen Handelns. Ein Dorfprojekt ist auf Dauer stärker, wenn es nicht bei jedem Schritt auf den nächsten Bewilligungsbescheid warten muss.
Die vielleicht wichtigste Frage an eine neue Projektidee lautet deshalb nicht nur: Wer könnte uns das finanzieren? Sondern auch: Was möchten wir so aufbauen, dass es uns morgen noch gehört?
Bild: Cadetgray / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0; für diesen Blogbeitrag kostenlos nutzbar unter den Lizenzbedingungen. Bild verkleinert.