Engagement & Organisation
In vielen Dörfern gibt es sie: die Menschen, die immer da sind. Sie organisieren das Fest, reparieren die Bänke, beantragen Fördermittel, kümmern sich um die Kasse und wissen auch noch, wer den Schlüssel zum Saal hat. Ohne sie würde vieles nicht funktionieren.
Wenn man sie fragt, wie es geht, hört man allerdings oft einen zweiten Satz: „Wir brauchen dringend Nachwuchs.“
Gemeint sind damit nicht unbedingt junge Menschen. Gesucht wird einfach jemand, der Verantwortung übernimmt. Möglichst dauerhaft, zuverlässig und am besten sofort. Und genau hier beginnt das Problem. Denn wer bei einer Initiative zum ersten Mal vorbeischaut, bekommt manchmal nicht die Frage gestellt, worauf er Lust hat, sondern welches Amt er künftig übernehmen könnte.
Vielleicht ist das etwas zugespitzt. Aber die Frage lohnt sich: Haben wir wirklich zu wenige Menschen, die sich engagieren möchten? Oder bieten wir zu wenige Formen des Engagements an, die zu ihrem Alltag passen?
Der Deutsche Freiwilligensurvey zeigt, dass freiwilliges Engagement in Deutschland weiterhin weit verbreitet ist, auch wenn die Beteiligung 2024 etwas niedriger lag als bei der vorherigen Erhebung. Menschen übernehmen also durchaus Verantwortung. Nur haben sie unterschiedliche Lebenssituationen, Fähigkeiten und Vorstellungen davon, wie verbindlich sie sich einbringen möchten.
Wer kleine Kinder betreut, kann vielleicht kein regelmäßiges Abendtreffen besuchen, aber eine Website betreuen. Wer beruflich viel unterwegs ist, hilft möglicherweise gern an einem bestimmten Wochenende. Eine Jugendliche möchte vielleicht ein Konzert organisieren, ohne zuvor zwei Jahre im Vereinsvorstand zu sitzen.
Warum machen wir daraus nicht häufiger ein Angebot?
Statt „Wer tritt in unseren Verein ein?“ könnten wir fragen: „Welche Aufgabe möchtest Du ausprobieren?“ Statt eine endlose Liste unerledigter Dinge auf den Tisch zu legen, könnten wir kleine, überschaubare Verantwortungsbereiche schaffen. Und statt über fehlende Verbindlichkeit zu klagen, sollten wir klar sagen, welche Aufgabe bis wann erledigt sein muss und wie viel Zeit sie ungefähr kostet.
Das bedeutet nicht, dass Vereine oder langfristiges Ehrenamt überholt wären. Im Gegenteil. Eine Organisation braucht Menschen, die Verantwortung über längere Zeit tragen. Nur müssen nicht alle auf dieselbe Weise mitmachen. Ein gutes Team kann aus dauerhaft Engagierten, gelegentlichen Helfenden und Menschen bestehen, die für ein einzelnes Projekt eine besondere Fähigkeit einbringen.
Dabei gehört noch etwas dazu: loslassen können. Wer jahrzehntelang ein Fest organisiert hat, weiß natürlich genau, wie es funktioniert. Neue Menschen bringen womöglich andere Ideen mit, machen Dinge umständlicher oder streichen Traditionen, an denen man hängt. Aber wenn neue Engagierte nur ausführen dürfen, was andere entschieden haben, bleibt es beim Helfen. Mitgestalten sieht anders aus.
Und vielleicht sollten wir uns öfter fragen, was wir überhaupt noch tun müssen. Nicht jede Veranstaltung, jede Sitzung und jede lieb gewonnene Aufgabe ist unverzichtbar. Manchmal ist es klüger, ein Format ausfallen zu lassen, als die letzten Aktiven zu überfordern.
Ein Dorf braucht nicht fünf Menschen, die alles können und alles machen. Es braucht Möglichkeiten, Verantwortung so zu teilen, dass immer wieder andere dazukommen können. Die wichtigste Nachwuchsfrage lautet dann nicht: Wer übernimmt irgendwann unser Amt? Sondern: Wie machen wir es anderen leicht, jetzt schon etwas Eigenes beizutragen?
Bild: Oceanflynn / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; für diesen Blogbeitrag kostenlos nutzbar unter den Lizenzbedingungen. Bild verkleinert.