Demokratie beginnt nicht in Berlin. Sie beginnt vor Deiner Haustür.

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Selbstwirksamkeit & Beteiligung

„Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen.“ Diesen Satz hört man nicht nur am Stammtisch. Er taucht in Kommentarspalten auf, im Gespräch vor dem Supermarkt und manchmal auch dort, wo Menschen eigentlich gemeinsam etwas verändern möchten.

Was steckt dahinter? Sicher nicht immer das Gleiche. Manchmal ist es Ärger über eine konkrete Entscheidung. Manchmal Enttäuschung über jahrelang unerfüllte Erwartungen. Und manchmal das Gefühl, dass die eigene Stimme überhaupt nichts zählt.

Wer sich so fühlt, zieht sich leicht zurück. Warum zur Versammlung gehen, wenn doch schon alles entschieden ist? Warum eine Idee einbringen, wenn sie vermutlich abgelehnt wird? Warum überhaupt Verantwortung übernehmen?

Ein Dorf kann auf diese Fragen eine überraschende Antwort geben. Denn hier ist die Entfernung zwischen einer Idee und ihrer möglichen Umsetzung oft ziemlich kurz. Man kennt die Menschen, die etwas entscheiden oder organisieren. Man sieht, ob eine Bank aufgestellt, ein leerer Raum geöffnet oder eine Veranstaltung tatsächlich durchgeführt wird. Erfolg und Misserfolg bleiben nicht abstrakt.

Das heißt nicht, dass Beteiligung immer einfach ist. Im Gegenteil. Manchmal muss man erst herausfinden, wann der Ortsbeirat tagt. Nicht jede Sitzung bietet dieselben Mitwirkungsmöglichkeiten, und die Zuständigkeiten unterscheiden sich je nach Gemeinde. Manchmal kommt eine gute Idee zur falschen Zeit oder scheitert an Geld, Genehmigungen oder Widerständen.

Trotzdem verändert schon der Versuch etwas. Wer zu einer Sitzung geht, erfährt, wie Entscheidungen entstehen. Wer einen Vorschlag formuliert, merkt, dass aus einem diffusen Ärger eine bearbeitbare Frage werden kann. Wer zwei oder drei Menschen für ein Projekt gewinnt, erlebt, dass nicht alles bei der eigenen Meinung stehen bleiben muss.

In der Sozialwissenschaft gibt es dafür einen etwas sperrigen Begriff: Selbstwirksamkeit. Gemeint ist die Erfahrung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Sie macht Probleme nicht kleiner, aber sie verändert die Rolle, die wir darin einnehmen. Aus Zuschauern können Beteiligte werden.

Dabei wäre es zu einfach zu behaupten, gemeinsames Gärtnern oder ein Dorfprojekt immunisiere gegen Radikalisierung. So funktioniert Gesellschaft nicht. Demokratische Beteiligung kann aber etwas schaffen, das in aufgeheizten Debatten oft fehlt: die Erfahrung, dass Konflikte bearbeitet werden können, dass andere Menschen ebenfalls gute Gründe haben und dass Veränderungen nicht immer von einer fernen Instanz kommen müssen.

Wie fängt man an? Vielleicht nicht mit einer großen Zukunftskonferenz. Vielleicht mit einer Frage an drei Nachbarn: Was würdet Ihr gern ändern? Daraus kann ein erstes Treffen werden. Dann eine Liste von Möglichkeiten und Zuständigkeiten. Und irgendwann ein überschaubares Vorhaben, das tatsächlich umgesetzt wird.

Es gibt dabei keine Garantie für Erfolg. Aber einen wichtigen Unterschied: Wer handelt, kann dazulernen. Wer nur darauf wartet, dass andere handeln, gibt diese Möglichkeit aus der Hand.

Demokratie lebt nicht allein von Wahlen. Sie lebt auch davon, dass Menschen sich zutrauen, ihr gemeinsames Umfeld zu gestalten. Der Weg dahin kann sehr kurz sein: bis zur nächsten Ortsbeiratssitzung, zum Gespräch am Gartenzaun oder zur ersten selbst organisierten Runde im Dorf.

Bild: GFreihalter / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; für diesen Blogbeitrag kostenlos nutzbar unter den Lizenzbedingungen. Bild verkleinert.