Begegnungsorte & Zusammenhalt
Man musste keinen Termin machen. Keine Tagesordnung vorbereiten. Man konnte einfach vorbeigehen, sich an einen Tisch setzen und schauen, wer da war. Vielleicht ein Bekannter, vielleicht jemand, den man sonst kaum getroffen hätte. So funktionierte die Dorfkneipe an vielen Orten über Jahrzehnte.
Natürlich verklärt die Erinnerung einiges. Nicht jede Kneipe war ein offener Ort für alle. Manche Menschen fühlten sich dort nie willkommen, andere konnten oder wollten sich den regelmäßigen Besuch nicht leisten. Trotzdem erfüllten solche Räume eine Aufgabe, die wir häufig erst bemerken, wenn sie verschwunden sind.
Sie ermöglichten Begegnung ohne besonderen Anlass.
Während Vereine, Arbeitsplätze und Freundeskreise Menschen meist über gemeinsame Interessen verbinden, konnte man in der Kneipe auch zufällig auf Leute treffen, die ganz anders lebten oder dachten. Man hörte von einer freien Wohnung, einer kaputten Straßenlaterne, einer geplanten Feier. Man stritt sich über den Fußballverein und bekam nebenbei mit, dass der Nachbar Hilfe beim Holzmachen braucht.
In der Forschung werden solche Räume oft „Dritte Orte“ genannt: Orte neben Zuhause und Arbeit, an denen sich gesellschaftliches Leben entfalten kann. Auf dem Land sind sie besonders wichtig, weil sich Begegnungen selten einfach auf der Straße ergeben. Wo Häuser weiter auseinanderliegen und Wege mit dem Auto zurückgelegt werden, braucht der Zufall gelegentlich eine Adresse.
Dass klassische Gaststätten unter Druck stehen, ist kein Geheimnis. Steigende Kosten, Personalmangel, veränderte Freizeitgewohnheiten und die Folgen der Pandemie haben die Lage vieler Betriebe erschwert. Wo ein Wirt in Rente geht, findet sich nicht unbedingt jemand, der die Gastwirtschaft übernimmt. Und mit jeder Schließung wird es schwieriger, ein solches Angebot irgendwann wieder aufzubauen.
Es wäre allerdings zu kurz gedacht, daraus die Forderung abzuleiten, jede Dorfkneipe müsse dauerhaft mit öffentlichen Mitteln am Leben gehalten werden. Auch Gaststätten brauchen eine wirtschaftliche Perspektive. Und die Formen des Zusammenkommens dürfen sich verändern.
Vielleicht ist die Lösung an einem Ort ein Café, das nur am Wochenende öffnet. Anderswo ein Dorfladen mit ein paar Tischen, ein Gemeinschaftshaus mit regelmäßigem Mittagessen oder ein Dorfabend, bei dem die Verantwortung wechselt. Entscheidend ist weniger, ob dort Bier ausgeschenkt wird. Entscheidend ist, dass Menschen ohne Mitgliedschaft, besonderen Anlass oder lange Vorbereitung zusammenkommen können.
Dabei sollten wir bewusst auch diejenigen im Blick behalten, die in der klassischen Kneipe bisher kaum vorkamen: Jugendliche, Familien, Menschen mit wenig Geld, Zugezogene oder Menschen, die keinen Alkohol trinken möchten. Ein wirklich offener Begegnungsort entsteht nicht automatisch, nur weil die Tür unverschlossen ist.
Vielleicht lohnt sich deshalb eine ganz einfache Frage: Wo könnte man in unserem Dorf heute hingehen, wenn man Gesellschaft sucht, aber niemanden anrufen möchte?
Wenn uns darauf kein Ort einfällt, fehlt mehr als eine Gaststätte. Dann fehlt ein Stück gemeinsamer Alltag. Und das wäre durchaus ein Grund, gemeinsam etwas zu verändern.
Bild: Amrei-Marie / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; für diesen Blogbeitrag kostenlos nutzbar unter den Lizenzbedingungen. Bild verkleinert.